Veröffentlicht von CareerBuilder Germany am 06 Juli 2018
Themen: Recruiting-Tipps - Candidate Experience - Vorstellungsgespräche | Keine Kommentare

Mit dem Graves-Modell Kandidaten schneller besser einschätzenDie fachlichen und  sozialen Kompetenzen eines Bewerbers richtig zu beurteilen, ist für die meisten Personaler kein Problem. Schließlich handelt es sich dabei um Fakten, die – sofern nicht ohnehin aus dem Lebenslauf ersichtlich – mittels  spezieller Fragetechniken, Eignungstests etc. relativ problemlos überprüft werden können.  Geht es jedoch um die Persönlichkeit des Kandidaten und damit im Grunde auch um den Cultural Fit, wird die Analyse schnell schwammig. Sich bei der Beurteilung nur auf das eigene Bauchgefühl verlassen zu können, ist vielen Recruitern zu wenig handfest. Aber wie lassen sich individuelle Wertevorstellungen fremder Personen und die daraus resultierende Motivation in nur einem Gespräch ermitteln und beurteilen?

Vom Überleben zur Nachhaltigkeit – die Werte-Evolution nach Graves

Diplom Psychologe Ralf Köbler verweist diesbezüglich auf das Graves-Modell als eine Art Ordnungssystem, mit dessen Hilfe man die Persönlichkeit von Bewerbern schnell und effizient analysieren und auf Passung mit der eigenen Organisation überprüfen kann. Graves-Schublade auf, Kandidat rein, Schublade zu? Ganz so einfach ist es nicht. Clare Graves (1914-1986) war Professor für Psychologie und fasste die Werteentwicklung von Individuen und Organisationen in acht abstrakten Stufen zusammen. Die Werte und Motivatoren, die er dafür definierte, reichen von einfachem Überleben (Graves1) über  Bindung & Sicherheit (Graves2), Macht & Kraft (Graves3), Recht & Ordnung (Graves4), Leistung & Gewinn (Graves5), Team & Beziehung (Graves6) bis hin zu Weiterentwicklung (Graves7) und Nachhaltigkeit (Graves 8).

Persönliche Entwicklung vorhersehbar

Dem Graves-Modell zufolge durchlebt jeder Mensch diese Werte-Evolution zwar nicht in derselben Geschwindigkeit, aber in der gleichen Reihenfolge, was die persönliche Weiterentwicklung des Kandidaten für den Personaler in gewissem Rahmen vorhersehbar macht.  Interessant ist, dass einer individuell geprägten Stufe (Graves1,3,5,7) immer eine gruppengeprägte (Graves2,4,6,8) folgt. „Das Graves Modell unterscheidet zwischen ICH und WIR-Ebenen, die wir alternierend durchlaufen“, erklärt Köbler in einem Interview auf Personaleum.at. „Wir pendeln da immer hin und her. Eine erreichte WIR-Ebene bildet die Basis für eine höhere Form der Individualisierung, also eine neue ICH-Ebene und diese wiederum die Basis für eine höhere Form der Integration. Jede Ebene ist dann Katalysator für die nächste Ebene. Für die Gesamtkultur eines Unternehmens ist die stärkste WIR-Ebene sehr wichtig und bildet so die gemeinsame DNA“.

Nonverbales Feedback liefert wichtige Informationen

Auf welcher Graves-Ebene das Unternehmen als Organisation agiert, hängt laut Köbler maßgeblich von den Werteebenen der Führungskräfte ab. Auf welcher Graves-Stufe der Bewerber steht, welche Motivatoren ihn antreiben und ob er damit gut in das Unternehmen passt, muss der Personaler gezielt erfragen und sich dabei am Graves-Wertemodell orientieren. Ist das Unternehmen etwa klassisch hierarchisch organisiert und/oder erfordert die vakante Stelle Gründlichkeit, gute Organisation und systematisches Vorgehen, sollte der Bewerber vor allem nach seiner Haltung zu den Werten aus Graves4, befragt werden. Allerdings ist dabei nicht unbedingt die inhaltliche Antwort entscheidend für die richtige Einschätzung. 70 Prozent der Gesamtinformation liefert das nonverbale Feedback.

Von Personalern wird gute Beobachtungsgabe verlangt

Personaler müssen also über eine gute Beobachtungsgabe verfügen, um Bewerber anhand des Graves-Modells richtig einschätzen zu können. Decken sich Körpersprache und Stimmfarbe mit dem Gesagten? Wird die Frage emotional interessiert aufgenommen  oder nur ausweichend oder gar „depersonalisiert“ beantwortet. („man kann davon ausgehen, dass…“ oder „Allgemein gesehen ist…“) Letzteres zeigt dem Personaler deutlich, dass die Werte des Bewerbers nicht mit denen der erfragten Graves-Stufe übereinstimmen. Zum gleichen Urteil sollte der Personaler gelangen, wenn der Kandidat zwar den Werten einer bestimmten Graves-Stufe zustimmt, dieses aber mit Argumenten aus einer anderen Ebene begründet. Zum Beispiel indem er die Notwendigkeit von klaren Regeln und Vorschriften (Graves4) als Voraussetzung bejaht, um vereinbarte Ziele zu erreichen und Wettbewerbsvorteile zu sichern (Graves5).

Die acht Werte-Ebenen nach Graves

In seinem Buch „Neue Wege im Recruiting“ und auf seiner Website gibt Ralph Köbler viele nützliche und praxisnahe Anregungen, wie das Graves-Modell im Recruiting angewendet werden kann – sei es, um Kandidaten besser einzuschätzen oder um die Unternehmenskultur langfristig zu gestalten. Sein Überblick über die acht Werteebenen hilft Personalern bei der Identifizierung von relevanten Motivatoren:

Graves 1 – „Überleben“ – individuumsorientiert

Das erste Wertesystem stammt aus der Zeit der Steinzeitmenschen, der Zeit der Jäger und Sammler. Analog zur Motivations-Pyramidenbasis bei Abraham Maslow haben elementare Überlebenswerte Vorrang z. B. Nahrung, Wasser, Wärme, Sex und Unterkunft. Das Leben ist hier reine Anpassung an die Natur. Das eigene Selbst wird nur schwach wahrgenommen, die ganze Aufmerksamkeit liegt nach außen auf der sinnlichen Wahrnehmung.

Graves 2 – „Sicherheit und Zugehörigkeit“ - gruppenorientiert

Der Mensch ordnet sich der Gruppe und der Führungsperson unter. Die für ihn relevanten Werte sind Sicherheit, Zugehörigkeit, fester Arbeitsplatz, Schutz, Absicherung, Bindung, sich "zu Hause" fühlen, Treue zur Organisation, Teil der Gruppe sein, dazugehören, das Prinzip der Ältesten/Seniorität, Rituale bewahren, Stolz auf die Organisation sein, örtliche Gebundenheit. Sind die Graves2-Anteile konstruktiv in eine reife Persönlichkeit integriert, ist der Mensch loyal und vertrauenswürdig. Er ist stolz auf seine Firma und hat einen ausgeprägten Sinn für Familie und Zusammenhalt.

Graves 3 – „Macht und Kraft“ – individuumsorientiert

„Nur der Stärkste überlebt“ ist die Sicht der Menschen, die in Graves3 zentriert sind. Für sie zählen Werte wie Stärke, Ehre, Mut, Macht, Siegen, Führungsanspruch, Respekt bekommen Unabhängigkeit oder Abenteuer. Menschen mit starken, aber durch höhere Werte balancierten Graves3-Anteilen sind sehr kreativ und proaktiv und ergreifen schnell die Initiative. Verkäufer benötigen einen starken Graves3-Anteil, um sich im Markt zu behaupten. Auch Führungskräfte brauchen Umsetzungskraft, um als Vorbilder akzeptiert zu werden. Sind die Graves3-Anteile konstruktiv in eine reife Persönlichkeit integriert, lebt der Mensch innovativ, kreativ, proaktiv und kraftvoll. Ihm geht es um Konkretes und nicht um Ideen und Konzepte.

Graves 4 – „Recht und Ordnung“ – gruppenorientiert

Das Faustrecht der Graves3-Ebene wird durch ein allgemeingültiges Gesetzeswerk ersetzt. Der Mensch ordnet sich der Autorität unter. Wichtige Werte dieser Ebene sind: Recht & Ordnung, Struktur, Loyalität, Handschlag-Qualität, Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Genauigkeit,  Prinzipientreue, Moral, Disziplin, Zuverlässigkeit, Stabilität, Klarheit, Perfektionismus, Pflichterfüllung. Sind die Graves4-Anteile konstruktiv in eine reife Persönlichkeit integriert, hat die Person Stabilität und Verantwortungsbewusstsein. Sie ist pflichtbewusst, loyal, setzt sich für Recht, Ordnung und das Allgemeinwohl ein, ist gut organisiert und systematisch in ihrem Vorgehen.

Graves 5 – „Gewinn und Leistung“ – individuumsorientiert

Der Einzelne sieht die Welt voller Möglichkeiten und Chancen und strebt nach persönlichem Erfolg. Regeln und Gesetze werden „zielorientiert interpretiert“. Wichtige Werte der Graves5-Ebene sind: Erfolg, Wohlstand, unternehmerisches Denken, Leistung & Einsatz, Herausforderung, Karriere, Gewinn, Ziel- und Ergebnisorientierung, „der Beste sein“, Wachstum, finanzielle Freiheit, Pragmatismus, Belohnung, „alles ist möglich!“ Die zentrale Eigenschaft der Graves5-Ebene ist ein ausgesprochener Optimismus für die persönliche Zukunft mit all ihren Möglichkeiten. Diese Zukunft verheißt Wohlstand, Genuss und gesellschaftliche Anerkennung. Menschen mit einer Graves5-Zentrierung möchten sich mit anderen messen und sind karriereorientiert.

Graves 6 – „Team und Gemeinschaft“ – gruppenorientiert

Die Entwicklung der Graves6-Werteebene ist eine Rückbesinnung auf menschliche Werte wie Teamgeist, Beziehungen, Wertschätzung, Kollegialität, Harmonie, Zusammenarbeit, Menschlichkeit, einfühlsam sein, Gleichheit, Kooperation, soziale Verantwortung, Verständnis für andere, Konsens-Zustimmung aller einholen, Gemeinschaft, Networking. Aus gesellschaftlicher Sicht ist im Konzept der sozialen Marktwirtschaft das „soziale“ die 6er-Balance zur 5er-Marktwirtschaft: Gleiches Recht auf Ausbildung, Gesundheitswesen, Altersvorsorge und soziale Absicherung.

Graves 7 – „Freiheit und Lernen“ – individuumsorientiert

Der Mensch auf der Graves7-Ebene möchte sich selbst verwirklichen. Das Denken wird langfristig und strategisch. Wichtige Werte sind: Systemdenken, Freiheit, Wissen erweitern, Wissensmanagement, Persönlichkeitsentwicklung, Neugier, Flexibilität,  Talententfaltung, Individualität, Selbstverwirklichung, geistige Unabhängigkeit, Vision, Überblicksdenken = das „Big Picture“, Einzigartigkeit, Synergie, Inspiration,  Kompetenz, Funktionalität, Raum für Vielfalt und individuelle „Wahrheiten“.

Graves 8 – „Nachhaltigkeit und globale Einheit“ – gruppenorientiert

Die zentralen Werte der Graves8-Ebene sind: Ganzheitliches und globales Zugehörigkeitsgefühl zum Planeten Erde, Nachhaltigkeit, Ganzheitlichkeit, Biosphäre, Synthese, Integration, zum Wohle allen Lebens, Transzendenz, Biodiversität, Ökosystem, Nachwelt und zukünftige Generationen, globale Verbesserung, langfristige Konsequenzen, Weltfrieden, holistische Sicht, emotional/spirituelle Balance, Demut, global denken und lokal handeln.

 

Weitere Informationen:

https://www.potenzial.at/blog/einfuehrung-in-das-gravesmodell.html

https://www.personaleum.at/cultural-fit-graves-modell/

Bildquelle: ©  Amy Johansson - Shutterstock.com

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